Burkhard Stieglitz, überparteiliche Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e.V., Krautsberg 5, 42275 Wuppertal, Tel. 550998

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Appell der Bürgerinitiative

"Rettet die Schwebebahn!" e.V.

an den Rat der Stadt 3. Februar 1997


An den

Herrn Oberbürgermeister

der Stadt Wuppertal

Dr. Hans Kremendahl

und den Rat der Stadt Wuppertal, den 3. Februar 1997

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kremendahl!

Sehr geehrte Stadtverordnete!

Die heutige Sitzung wird einmal als eine der wichtigsten in die Stadtgeschichte eingehen. Es geht um die Rettung des Wahrzeichens der Stadt, einem Kulturdenkmal der Menschheit, unsere Schwebebahn. Wir appellieren an Sie, die Bahn heute unter Denkmalschutz zu stellen.

Leider müssen wir feststellen, daß bis zum heutigen Tage, die Öffentlichkeit über Art und Ausmaß des geplanten Abrisses und Neubaus der Schwebebahn durch die Stadtwerke desinformiert wird. In ihrer heutigen Ausgabe (3.2.97) schreibt die Tageszeitung "DIE WELT"(siehe Anlage):

"Die eiserne Lady soll geliftet werden". Das klingt harmlos und Sie wissen so gut wie wir, daß es so harmlos nicht ist: Die Bahn wird komplett abgerissen und in neuem Stil aufgebaut. Nicht nur allem Materialien sollen neu sein, sondern auch die Architektur des neuen Gerüstes und der Bahnhöfe wird nicht identisch sein, sondern geradezu abenteuerlich von der ursprünglichen Gestalt abweichen. Eine märchenhafte Architektur mit Zwiebeltürmen und Pagodendächern, soll lieblosen einfallslosen Glaskästen weichen (siehe Wupperfeld, Adlerbrücke, Loher Straße, Völklinger Straße, Landgericht, Robert-Daum-Platz, Pestalozzi Straße, Westende, Varresbeck, und Zoo-Stadion). Aber nicht nur diese großen Stationen, auch die kleinen Bahnhöfe der Landstrecke haben ihren Reiz und sollen nun verschwinden. Aber auch sie gehören zum technischen Gesamtkunstwerk "Schwebebahn".

Entgegen diesen Tatsachen, wird die Öffentlichkeit nach wie vor über das Ausmaß der Zerstörung des Wahrzeichens der Stadt desinformiert. Bis heute läßt der "WSW-Chef" Hermann Zemlin über DIE WELT verbreiten:

"Wir wollen doch das bewährte Bild von Bahnhöfen wie Werther Brücke oder die auf derer Landstrecke überhaupt nicht verändern."

Wie bitte? Ist es bei derartiger "Information" verwunderlich, daß bis heute die Mehrheit der Bürger unserer Stadt kaum Kenntnis über das Ausmaß des Abrisses hat. Das wird sich jedoch in den kommenden Wochen drastisch ändern. Die Stadt beginnt aufzuhorchen. Die Medien haben sich des Themas angenommen. Wir möchten dem Rat der Stadt in aller Sachlichkeit voraussagen, daß die Zahl der Bürger, die sich mit dem Abriß nicht abfinden werden rapide wachsen wird. Herr Joachim Macheroux dürfte sich erheblich verrechnen, wenn er glaubt "Die schweigende Mehrheit dieser Stadt ist doch für die Pläne der WSW und amüsiert sich über die Widerständler." Der Abriß der Schwebebahn wird keinen "Sturm im Wasserglas" entfachen. Der Abriß der Schwebebahn wird nicht ebenso fatalistisch hingenommen werden wie der Abriß der Adler Brauerei, der Bergbahn, des Wasserturms auf Lichtscheid, des Planetariums, des Thalia-Theaters oder Luftkurhauses.

Jede Stadt hat einen Kern des unveräußerlichen Erbes. In Kairo sind es die Pyramiden, in Paris ist es der Eiffel-Turm, in Köln ist es der Dom. Wer sich an derartigen Monumenten vergreift, der unterschätzt die lokale und überregionale Widerstandsbereitschaft. Offensichtlich ist man sich bei den Stadtwerken nicht über die internationale Bedeutung der Schwebebahn als Teil des Kulturerbes der Menschheit im klaren. Doch die Bahn hat gute Chancen in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen zu werden, weil es nicht viele Technik-Denkmale aus dem 19 Jahrhundert gibt. Wir werden den Rat der Stadt noch in dieser Woche über die Unterschutzstellung der Völklinger Hütte und deren Eintrag in die Welterbeliste informieren. Die Schwebebahn ist Singulär, auch schon deshalb, weil Sie kein Fürsten oder Kirchenwerk ist, sondern ein Monument des Fleißes und des Unternehmergeistes der Bürger und Arbeiter dieser Stadt. Die Planung der elektrischen Hochbahn, zu einem Zeitpunkt als im Tal noch die Pferdebahn fuhr, war so futuristisch wie die Werke von Jules Verne und war eine Weltsensation. Soll diese Bahn jetzt einer "Phantasialandbahn" weichen? Sollen wirklich nur wenige alte Bahnhöfe in verzerrten Proportionen mit längeren und breiteren Bahnsteigen nachgebaut werden? Wollen wir ein Original gegen eine Kopie tauschen? Was würden Frankfurt und Hildesheim darum geben, wenn der Römerberg oder der Marktplatz noch aus originalen Fachwerkbauten des Mittelalters bestünden?

Herr Zemlin läßt heute (3.2.) bundesweit über "DIE WELT" verbreiten:

"Wenn die Schwebebahn komplett unter Denkmalschutz gestellt wird, gibt es keinen Zuschuß für den Ausbau von 450 Mark (gemeint sind wohl 450.000.000 DM) aus dem Etat des Gemeinde-Verkehrs-Finanzierungsgesetzes."

Wird die Bahn etwa das Opfer einer bürokratischen "Schlachtprämie"? Sollte die Bahn fragwürdigen Paragraphen der Gemeindeordnung zum Opfer fallen? Sollte sie sich in einem Paragraphennetz verfangen? Wir können es nicht glauben und werden unseren Herrn Ministerpräsidenten fragen, ob das denn stimmen kann? Wir haben da unsere berechtigten Zweifel, denn die Schwebebahn wird auch nach der Unterschutzstellung nicht nur Denkmal sondern auch Verkehrsmittel bleiben, das einen Anspruch auf Renovierung hat.

Es verschlägt den Atem, wenn man in der Welt liest, daß "bereits Aufträge für über 200 Millionen vergeben" wurden. Es ist eine Sache bei Nacht und Nebel 200 Millionen rucki zucki unter die Leute zu bringen (wir haben’s ja!), aber es ist etwas ganz anderes die Bahn auch tatsächlich abzureißen. Das wird nicht bei Nacht und Nebel möglich sein. So geschmiert wird die Bahn nicht in den Hochofen rutschen! Der Abriß wird sich Wochenende für Wochenende über Jahre in qualvoller Länge hinziehen. Wir garantieren Ihnen 6 Jahre Protest und Schwarze Fahnen und ein großes Stadtbarometer, wo der Grad der Vernichtung unseres Wahrzeichens und Kulturerbes dargestellt wird. Wir werden uns auch um internationale Öffentlichkeit bemühen. Schon beim Tuffi-Sprung nahm man weltweit Anteil. Die Bahn ist im Ausland bekannter als mancher denken mag! Sie hat nicht nur im Tal, sie hat weltweit Freunde!

Unsere Bürgerinitiative ist überparteilich. Uns geht es nur um die Erhaltung der Identität der Bahn und damit um das wesentlichste Stück unserer Heimatstadt. Bitte stellen Sie die Bahn heute unter den ihr gebührenden Denkmalschutz!

 

Hochachtungsvoll

 

Burkhard Stieglitz (parteilos)

Vors. der "Bürgerinitiative

‘Rettet die Schwebebahn!’ e.V."

 

 

Erklärung der "Bürgerinitiative Rettet die Schwebebahn!’ e.V." zum Abriß der historischen Bahn

Die Bürgerinitiative fordert die sofortige Eintragung der Schwebebahn (Gerüst, Wagenhallen und Bahnhöfe) in die Liste denkmalgeschützter Bauwerke. Wir lehnen den Abriß des Gerüstes und der Bahnhöfe sowie deren Neu- oder Nachbau entschieden ab und begründen dies im Folgenden.

  1. Die Stadtwerke legen ihrer Planung Phantasiezahlen zugrunde

Grundlage für alle Überlegungen zum Bau schnellerer und größerer Schwebebahnen und damit für den Abriß und Neubau des Gerüstes und aller alten Bahnhöfe sind für die Stadtwerke "Hoch-Rechnungen" zum jährlichen Fahrgastaufkommen der Bahn. Die Fahrgastzahlen stiegen in den Jahren 1990 bis 95 von 16,7 Millionen auf 24 Millionen. Diese Entwicklung wird von den Stadtwerken bis zum Jahr 2000 auf "min. 30 Millionen" fortgeschrieben.

Die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" stellt hierzu fest:

  1. Die Schwebebahn hat in den 96 Jahren ihres Bestehens immer wieder starke Schwankungen im Fahrgastaufkommen gehabt. Dem lagen zumeist politische und wirtschaftliche Ursachen zugrunde. Bereits 1925 rechnete man nach einer Phase kontinuierlich steigender Fahrgastzahlen mit einem Anstieg der Fahrgäste auf 36 - 40 Millionen pro Jahr. Deshalb wurde der Bahnhof am Döppersberg, wo sich 40 % des gesamten Publikumsverkehrs abwickelt, abgerissen und neu gebaut. Die Hochrechnung erwies sich sehr bald als phantastische Träumerei. Nur in den Jahren 1943 und 1948 überschritt das Fahrgastaufkommen die 24-Millionen-Grenze.
  2. Der Anstieg in den Jahren 1990-94 ist zum einen politisch durch den Fall der Mauer und eine außerordentliche Zuwanderung bedingt. Die demographische Entwicklung der Stadt dürfte aber parallel zur Entwicklung in der BRD in den kommenden Jahrzehnten wieder rückläufig werden.
  3. Mit Sicherheit spielt beim Anstieg der Fahrgastzahlen der Schwebebahn zum anderen auch der Wegfall der parallelen Straßenbahnlinien eine Rolle. Die Stadtwerke verursachten hier selbst das Umsteigen der Fahrgäste auf die Schwebebahn. Es ist aber vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt absurd alle Kunden ausgerechnet auf ein Verkehrssystem umzuleiten, daß nach ihren eigenen Berechnungen die Kapazität nicht hat und unter der Last der Zuwächse zusammenbrechen muß. Ausgerechnet das teuerste Verkehrssystem für die Kapazitätsaufnahme der abgerissenen Straßenbahnen vorzusehen ist ein Schildbürgerstreich. Wenn das Gerüst und die alten Bahnhöfe den Verkehrszuwachs laut Stadtwerke nicht verkraften würden, wären doch zunächst die neben der Bahn verlaufenden Verkehrsmittel in häufigerem Fahrtakt einzusetzen. Aufgrund noch traumhafter steigender Kundenzahlen sollte jedenfalls das teure Gerüst nicht fallen.

2. Die Stadtwerke behaupten, die Bahn sei schon jetzt an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt.

Die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" stellt dazu fest:

  1. Nur in der Zeit von 7-8 Uhr morgens fährt die Bahn im regelmäßigen 3-Minuten-Takt. In dieser Zeit kommt es etwa von 7.25 bis 7.55 Uhr zum "Schülerberg". Danach fährt die Bahn wieder in größeren Zeittakten.
  2. Bereits die historische Bahn ist für den 2 Minuten-Takt geeignet. In allen möglichen Publikationen über die Bahn im Laufe der Jahrzehnte wird immer wieder der 2 Minuten-Takt als mögliche Taktfolge genannt. Vom Abriß des Gerüstes ist nie die Rede. (Vergl. "Schwebebahn Vohwinkel-Elberfeld-Barmen 1901/1926" S. 34 einzusehen in der Bibliothek des Stadtarchivs; auch die Engländer hielten diese Fakten 1946 zur Wiedereröffnung der Schwebebahn fest. In der damaligen Publikation der Wuppertaler Bahnen A.G. heißt es: "Bei einem 2-Minuten-Verkehr der Züge und einer Zugzusammensetzung von 2 Wagen können in jeder Richtung in 1 Stunde über die ganze Strecke 4200 Personen befördert werden." Sogar im Buch der Wuppertaler Stadtwerke AG "Die Wuppertaler Schwebebahn Geschichte-Technik-Kultur" von 1990 wird auf S. 121 stolz auf die mögliche Zugfolge von 2 Minuten hingewiesen. Von einem dann notwendigen Abriß des Gerüstes ist noch vor 6 Jahren bei den Stadtwerken keine Rede.
  3. Zum 75. Geburtstag der Bahn kündigte der damalige Vorsitzende des Vorstandes der Wuppertaler Stadtwerke AG, Dipl. Ing. Harald Graf, an, die Bahn werde bald im 2 ½ Minuten-Takt fahren. Bis heute weist der Fahrplan der Schwebebahn nicht einmal in der Stoßzeit diesen Fahrtakt aus.
  4. Der 2-Minuten Takt kann von der heutigen Schwebebahn bequem gefahren werden. Während man 1900 noch 36 Minuten für die 19 Teilstrecken benötigte fährt die heutige Bahn in weniger als 30 Minuten alle Bahnhöfe ab. Pro Bahnhof und Streckenabschnitt benötigt die Bahn also deutlich weniger als 2 Minuten. In diesem Takt befinden sich bei der heutigen Bahngeschwindigkeit immer nur maximal zwei Züge zwischen zwei Bahnhöfen. Das ist die logische Grundlage für den 2-Minuten-Takt.
  5. Demnach kann die Kapazität der Bahn in der Zeit von 7 - 8 Uhr bequem um 50 Prozent erhöht werden, wenn man vom 3 auf den 2 Minuten-Takt überginge. Da zur Zeit alle Fahrgäste in dieser kritischen Zeit von der Bahn transportiert werden, würde zunächst die Einführung des von Harald Graf 1976 angekündigten 2 ½ Minuten-Taktes alle Unbequemlichkeiten in dieser Rush-hour beseitigen. Wir erwarten von den Stadtwerken, daß sie diesen Service erst einmal anbietet bevor sie die Bahn für einen 1,5 Minuten Takt abreißt.
  1. Die Stadtwerke behaupten das Gerüst müsse einer neuen Konstruktion weichen, weil es veraltet sei

Die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" stellt hierzu fest:

Der Vorstandsvorsitzende der Wuppertaler Stadtwerke AG kam in seiner Laudatio zum 75jährigen Bestehen der Bahn auch auf die Haltbarkeit des Gerüstes zu sprechen. Schon damals hatten "Spezialisten" und "Experten" behauptet, das Gerüst entspreche nicht mehr modernen Sicherheitskriterien. Graf wies die Einsprüche der Experten ausdrücklich zurück.. Wegen der außerordentlichen Bedeutung der Aussagen dieses Fachmannes für die Diskussion um den Abriß des Gerüstes geben wir die entscheidende Passage hier ausführlich wieder:

"Der weitaus überwiegende Teil des Schwebebahngerüstes besteht nach wie vor in der auf uns überkommenen ursprünglichen Form. Hier interessiert natürlich die Frage, welche Lebensdauer das Gerüst wohl noch haben könnte. Den Technikern ist die sogenannte Wöhlerkurve bekannt, wonach bei mehr als 2 Millionen sogenannten Lastwechseln die Ermüdung des Stahlmaterials ein Ende findet und die endgültige Dauerfestigkeit erreicht ist. Die Lastwechselzahl von 2 Millionen ist beim Schwebebahngerüst bei weitem überschritten und war auch schon vor den Bauarbeiten am Alten Markt längst überschritten. Im Jahre 1969 wurde die Gelegenheit wahrgenommen auf einem Prüfstand für statische Großversuche eine bei den eben genannten Bauarbeiten freigewordene vollständige unzerlegte Brücke einem Belastungsprogramm zu unterziehen. Es zeigte sich, daß die zulässigen Spannungen nicht überschritten wurden. Die Untersuchung wurde fach-technisch geleitet und überprüft von dem inzwischen verstorbenen Professor Dr.-Ing. Pelikan, Stuttgart, der im übrigen damals empfahl, beim etwaigen Einsatz neuer Fahrzeuge mit anderem dynamischen Fahrverhalten erneute Untersuchungen anzustellen.

Da in den Jahren 1972-1974, übrigens mit Investitionshilfe des Landes Nordrhein-Westfalen, der gesamte Wagenpark ausgewechselt wurde, wurden in Abstimmung mit der Technischen Aufsichtsbehörde und mit Unterstützung des Landes 1975 unter der Leitung von Professor Dr.-Ing. Reinitzhuber, Dortmund, Last-Dehnungs-Messungen in zahlreichen statischen und dynamischen Lastfällen am Gerüst durchgeführt. Auch diese neuesten Untersuchungen , die absolut positiv verliefen, geben uns die Überzeugung,

daß das Schwebebahngerüst ohne weiteres weitere 75 Jahre halten kann,

unter der Voraussetzung selbstverständlich, daß es laufend einwandfrei konserviert, d. h. vor allem regelmäßig gestrichen wird."

(Aus: 75 Jahre Schwebebahn - Vortragsveranstaltung über Fragen des öffentlichen Personennahverkehrs am 28 Mai 1976 in Wuppertal" (S. 45) Die Broschüre ist einzusehen im Stadtarchiv Nr. 76.308)

Wir fragen:

Wie ist es möglich, daß nach nur 20 Jahren das Gerüst schrottreif sein soll? Wurde es nicht sachgemäß gewartet? Dann wären umgehend die Verantwortlichen zu ermitteln, denn dem Steuerzahler wäre dadurch ein Schaden in Höhe von mehreren hundert Millionen Mark entstanden. Der laufende Anstrich und die laufende Entrostung des Gerüstet kostet im übrigen nicht die astronomische Zahl von 200.000.000 DM wie die Stadtwerke über den SPIEGEL verbreiten ließen, die Kosten dürften sich zur Zeit bei 10 - 15 Mio. bewegen.

4. Die Stadtwerke wollen, mehr Fenster und Licht auf den Bahnsteigen, damit die "Angsträume" verschwinden

Die Bürgerinitiative weist darauf hin, daß die alten Bahnhöfe bei ihrer Erbauung große Fensteröffnungen hatte, die aber später durch Plakatwände verstellt wurden. Die Bahnhöfe haben allesamt Milchglasfenster und lassen keinen Blick vom Bahnsteig auf die Straße und umgekehrt zu. Man stelle sich vor, wenn der heutige Schwebebahn-Bahnhof Alter Markt heute mit Blech statt mit Glas verkleidet wäre, dann hätte man hier ebenfalls einen "Angstraum". Warum gibt man den alten Bahnhöfen nicht die Chance sich einmal in ihrem Originalzustand zu präsentieren? Dann wird man sehen wie hell und Lichtdurchflutet sie sind. Im übrigen kann man in dieser Stadt am hellen Tag und unter lauter Menschen überfallen werden und kann es dann noch als Glück ansehen, wenn ihm jemand hilft. Die Ursache der Angst ist nicht eine verwinkelte Ecke der Schwebebahn, sondern sie liegt in der steigenden Kriminalität im Lande.

5. Die Stadtwerke wollen jeweils um 1 Meter breitere und wegen größerer Schwebebahnzügen auch längere Bahnsteige. Deshalb will man die alten Bahnhöfe total weg haben.

Wir stellen fest:

Alle Bahnsteige der Schwebebahn sind ausreichend breit, da die Fahrgastdichte nur auf den Bahnhöfen Alter Markt und Döppersberg wirklich überragend ist. Beide Argumente sollen nur den angeblich ach so notwendigen Abriß der Bahn begründen.

6. Die neue Bahn soll viel leiser werden

Wir geben zu bedenken, daß Quietschgeräusche vom Radkontakt mit der Schiene stammen und nicht vom Gerüst. Wenn eine neue Bahn geräuscharme Räder und Schienen haben kann, so kann diese Erneuerung auch an der historischen Schwebebahn erfolgen.

7. Die neue Bahn soll schneller werden

Das ist bei einer Gesamtstrecke von nur 13,3 Kilometern, die noch dazu von 19 Haltestellen unterbrochen wird, ein geradezu lächerliches Argument. Schweben ist schön und will genossen werden. Nur wenn größere Wagen mit höheren Geschwindigkeiten das alte Gerüst befahren, stimmt die jetzige Statik möglicherweise nicht mehr. Deshalb lehnen wir die Raserei auf dem Gerüst als Fortschrittsmarotte ab.

  1. Die neue Bahn soll behindertengerechte Aufzüge bekommen.

Warum kann man die nicht dezent und unter feinfühliger Anpassung an die überkommene Architektur anbauen. Es müssen aber nicht derart monströse Anbauten sein wie in Oberbarmen. Wir geben allerdings zu bedenken, daß 40 Aufzüge auch gewartet werden müssen. Ist die Stadt dazu in den kommenden Jahrzehnten bei immer angespannterer Finanzlage noch fähig? Die Rolltreppen am Alten Markt zur Kaufhofpassage stehen jedenfalls mehrfach im Jahr für Wochen still. Mutwillige Zerstörungen nehmen immer mehr zu. Rollstuhlfahrer müßten allerdings sichergehen können , daß sie bei der Zielstation auch wieder herunterkommen. Woher wissen sie, welche Fahrstühle gerade stillstehen. Ist es nicht preisgünstiger behindertengerechte Busse zu bauen? Man könnte sich mit den Fahrstühlen auch auf die vier oder fünf am meisten frequentierten Bahnhöfe beschränken und dafür deren ständige Fahrbereitschaft garantieren?

8. Für die Stadtwerke verkommt die Schwebebahn angeblich zur Museumsbahn(!), wenn Gerüst, Bahnhöfe und Wagenhallen unter Denkmalschutz gestellt werden.

Die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" empfindet es als empörend und als Beleidigung des gesunden Menschenverstandes, wenn ausgerechnet die Stadtwerke den ebenso polemischen wie lächerlichen Begriff der "Museumsbahn" in Umlauf bringt. Noch vor sechs Jahren publizierten die Stadtwerke selbst ein Buch über die Schwebebahn (zu kaufen in allen Buchhandlungen), in dem die Modernität der Bahn gerühmt wird: modernste Züge, hochmoderne Leitstände, hoher Sicherheitsstandard werden stolz gerühmt. Zurecht, wie wir meinen. Und auch heute ist die Bahn nicht am Ende möglicher Innovationen. Dem Gerüst und den Bahnhöfen kann es ziemlich gleichgültig sein, ob die Züge künftig zentral gesteuert und ohne Fahrer fahren. behindertengerechte Aufzüge können diskret, ohne das Erscheinungsbild zu beeinträchtigen angebaut werden. Allerdings protestieren wir gegen die Art und Weise wie der Anbau der Aufzüge in Oberbarmen dazu mißbraucht wurde, den historischen Treppenaufgang abzureißen und Riesentürme an beiden Seiten zu bauen, die den Eindruck des historischen Bauwerkes restlos zerstören. Der Bau der neuen Treppenhäuser in Oberbarmen ist ein Akt architektonischer Brutalität. Er zeigt mit welcher Verachtung man das malerische historische Bauwerk "Schwebebahn" behandelt. Nicht die Bahn ist marode, sondern die Stadt. Deshalb ist zu befürchten, daß eine neue Bahn nach wenigen Jahren genauso verkommen aussieht wie die historische Bahn heute. War die alte Bahn nicht vor wenigen Jahren auch noch fit für die nächsten 75 Jahre?

Der geplante Abriß und Neubau der Schwebebahn

- beraubt die Stadt Wuppertal ihres Wahrzeichens

- zerstört ein einzigartiges Kulturdenkmal der Menschheit

- ist hinsichtlich des Verkehrsaufkommens völlig überflüssig und

- eine einzigartige Steuerverschwendung.

Die Bahn gehört nicht nur den Stadtwerken, sie gehört den Bürgern der Stadt und der Weltöffentlichkeit.

Gez. Burkhard Stieglitz (parteilos)

Wuppertal, den 31. Januar 1997

Überparteiliche Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" Krautsberg 5, 42275 Wuppertal. Eingetragen beim Amtsgericht Wuppertal.