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Offener Brief an den Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen anläßlich der Einweihung der Station Kluse am 26. 3.1999

Betrifft: Subventionsbetrug beim Abriß und Neubau der Schwebebahn

Sehr geehrter Herr Minister Steinbrück!

Sie weihen heute eine neue Station der Wuppertaler Schwebebahn ein. Der Neubau der Station Kluse wird auch von der Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" begrüßt. An alter Stelle wird ein Bahnhof im Stil der neuen Zeit eröffnet. Die Einweihung der Station könnte ein Grund zur Freude für Wuppertal sein. Leider überschattet der Totalabriß und Neubau des gesamten Stahlgerüstes einschließlich aller historischer Bahnhöfe die heutige Feier. Die Jugendstil-Bahnhöfe an der Adler-Brücke und am Robert Daum-Platz wurden bereits zerstört, obwohl man sie erst vor 12 Jahren renoviert hat. Dieses sinnlose und barbarische Großprojekt sucht in Europa seinesgleichen.

Der Totalabriß der historischen Schwebebahn ist nicht nur ein Denkmalschutzskandal, er ist darüber hinaus ein Subventionsbetrug im großen Stil!

Der Subventionsbetrug wurde durch fünf zentrale Lügen eingefädelt:

  1. Die Wuppertaler Stadtwerke (WSW) belügen die Öffentlichkeit, wenn sie behaupten, die Schwebebahn fahre am Rande ihrer Leistungsfähigkeit.

Tatsache ist: die Bahn fährt an Wochentagen nur während einer Stunde im 3 Minuten-Takt. Sie kann aber seit dem Ausbau des Stahlgerüstes in den 80er Jahren sogar mit den modernen größeren und schnelleren Gelenkzügen im 2 Minuten-Takt fahren! Die Schwebebahn besitzt mindestens eine 50%ige Kapazitätsreserve.

  1. Die Stadtwerke belügen die Öffentlichkeit, indem sie verbreiten, die Schwebebahn fahre am Rande der Sicherheit.

Tatsache ist: Die Traglastversuche an einer 30 Meter langen Stahlbrücke des Gerüstes beweisen, daß die Schwebebahn erhebliche Tragreserven besitzt! Bis heute sind die Stadtwerke den Beweis des Gegenteils durch Offenlegung angeblich vorhandener Gutachten schuldig geblieben.

  1. Die Stadtwerke belügen die Öffentlichkeit, wenn sie behaupten das Stahlgerüst sei marode.

Tatsache ist: Das Gerüst ist "kerngesund". Es wurde gerade erst in den 80er Jahren für einen 2-Minuten-Takt mit Subventionsgeldern des Landes NRW und der Bundesrepublik Deutschland in fünfjähriger Bauzeit für 36 Mio DM statisch verstärkt. Alle Bahnhöfe wurden renoviert.

5. Die Stadtwerke behaupten, der Neubau sei für 500 Mio DM zu bewerkstelligen.

Tatsache ist: Die Stadtwerke haben bereits in den 80er Jahren die Schwebebahn für 1000 Mio DM auf Neuwerte versichern lassen.

Seit über 2 Jahren fordert die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" den Rat der Stadt Wuppertal und den Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden der WSW-AG Dr. Kremendahl auf, der Wuppertaler Öffentlichkeit durch die Offenlegung der Gutachten zu beweisen, daß die Schwebebahn schrottreif ist oder am Rande der Sicherheit oder ihrer Kapazitätsgrenze fahre. Die korrupteste Stadt Nordrhein-Westfalens hält bis heute die Phantom-Gutachten vor jeder Nachprüfung unter Verschluß. Nach Abschluß des sinnlosen Neubaus in etwa fünf Jahren, der Verschwendung von einer Milliarde DM an Steuergeldern wird der Öffentliche Personennahverkehr nicht über einen Meter mehr an Streckennetz verfügen. Vom ideellen Schaden durch die Zerstörung eines einzigartigen historischen Bauwerks ganz zu schweigen, denn am 2. Juni 1997 wurde die Schwebebahn als Gesamtanlage unter großer lokaler und internationaler Anteilnahme der Medien unter Denkmalschutz gestellt. Die Wuppertaler Öffentlichkeit erkennt nun mit wachsender Bestürzung, daß sie vom eigenen Stadtrat und

Oberbürgermeister systematisch getäuscht und belogen wurde über das Ausmaß der Zerstörung des

historischen Stadtbildes durch den Total-Abriß der historischen Schwebebahn. Von der 1901 von Kaiser Wilhelm II. eingeweihten Bahn wird dann nur noch eine Pendel-Stütze als Portal vor dem Industrie-Museum in Oberhausen zu besichtigen sein.

Sehr geehrter Herr Minister Steinbrück, Sie haben Ihr Amt erst vor kurzem angetreten und werden daher vielleicht erst heute mit diesem Subventions-Skandal konfrontiert. Sie sind verantwortlich für die sparsame und sachgerechte Verwendung der Subventionsmittel für den Öffentlichen Personennahverkehr. Setzen Sie sich bitte dafür ein, daß die Stadtwerke die Gutachten zum angeblich maroden Gerüst der Schwebebahn an die Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" zur öffentlichen Überprüfung freigibt. Die Bürgerinitiative verpflichtet sich ihrerseits, die Gutachten nach Erhalt auf eigene Kosten an die Bundesanstalt für Materialforschung und Prüfung (BAM) in Berlin weiterzuleiten. Die Wuppertaler Bürgerschaft hat ein Anrecht darauf, endlich zu erfahren, warum die gerade erst statisch verstärkte und renovierte Schwebebahn abgerissen und neu gebaut werden muß. Der Subventionsskandal im Zusammenhang mit dem sinnlosen Neubau der Schwebebahn wird sicher noch bundesweit Aufsehen erregen, denn er wird zur Zeit vor dem Landgericht Wuppertal verhandelt. Die Urteilsverkündung in erster Instanz erfolgt am 7. April 1999.

Ohne Prüfung der Gutachten wird die Bürgerinitiative den Vorwurf des Subventionsbetruges nicht zurückziehen. Als Bürger Wuppertals werden wir nicht eher ruhen, bis wir die Gutachten zur Einsicht erhalten. Wir gehen notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof, sollte die Zerstörung der historischen Schwebebahn ohne objektiv nachvollziehbare Begründung weitergehen. Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Minister, sich dafür einzusetzen, daß die Gutachten der Bürgerinitiative für eine öffentliche Prüfung zur Verfügung gestellt werden! Gehen Sie bitte selbst diesem Subventionsbetrug nach. Wuppertal und die Stadtwerke können die Gutachten gar nicht offenlegen, weil dies den Betrug sofort sichtbar machen würde. Die Gutachten befinden sich als Unterlagen aber auch in Ihrem Ministerium.

Hochachtungsvoll

Bürgerinitiative "Rettet die Schwebebahn!" e. V.

Burkhard Stieglitz - Vorsitzender

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oben: die historische Schwebebahnstation Robert-Daum-Platz vor ihrem Abriß. Sie wurde erst 1986 renoviert.

rechts: Schebebahnstation Robert-Daum-Platz nach ihrer Zerstörung am 19. März 1999 (Foto aus WZ vom 23.3.1999)

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